9.11.16

Das Phänomen des einseitigen Empfindens

Mann trifft Frau, Mann trifft Mann oder Frau trifft Frau.
Die ersten Stunden, Tage und Wochen ziehen sich oder rauschen wie ein Film, eine romantische Liebeskomödie an einem vorbei. Jeder der beiden befindet sich in einer Welt die nur aus Rosa, Plüsch, Kitsch und roten, pulsierenden Herzen zu bestehen scheint. Jeden Tag ein Kaffee oder mehr. Jede Sekunde ein Lächeln und tagtäglich laute, heisere, durchlebte Nächte der Ekstase. Dieses Leben, welches nur aus Illusion der angeblichen gegenseitigen Gefühle besteht, kommt an seinen Höhepunkt, im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder Plan, Termin, jedes regelmäßige Essen mit der besten Freundin, werden verschoben, da die Welt nicht mehr genug Platz zu haben scheint. Es gibt nur noch IHN/SIE. Für andere zwischenmenschliche Kontakte fehlt die Zeit, Geduld und Lust.
Beide Teile kosten einander so schnell aus, dass nach ein paar Wochen nichts mehr übrig zu bleiben scheint. Die Rosa-Brille verliert langsam an Schimmer und der trübe Alltag mit überfüllten Metros und schlecht gelaunten Kassierern nimmt wieder Platz in das öde, eintönige Leben ein und scheint diese 7. Wolke ganz und ganz zu verdrängen. Der gemeinsame Wein, an dem sich beide ergötzten und in welchen sie sich labten ist nun weg und was übrig bleibt, ist der wässrige Spuckschluck der Realität.
Doch häufig betrifft dieses plötzliche Wahrnehmen der wirklichen Welt - so scheint es jedenfalls - nur einen Teil dieses ehemaligen Traum-Duos. Die Kette ist brüchig und wird auch nur ein Glied dieser wackelig, so ist der Untergang nicht mehr fern.
Die Antworten bleiben also aus, die Anrufe unbeantwortet. Die Treffen, die einst so romantisch, isoliert und intim waren, werden nun abgesagt oder vergessen.
Zur Folge hat dieses einseitige Vergessen, dass der/die Andere an emotionale Grenzen gerät. Trauer, Unwissenheit und Missverständnisse stehen nun auf der Karte und bieten das Mittagsmenü. Unverständnis gibt es dann zur Happy-Hour zum halben Preis.
Während der eine also immer mehr auf seine einsame Insel zusteuert und sich überlegt, welchen Sinn es noch hat, dieses zum Scheitern verurteilte Liebesdrama am Leben zu erhalten, rennt und rennt die andere Person der Hoffnung auf eine baldige Versöhnung und einem Hollywood-reifen Happy-End hinterher.
Aus den einstigen, sich anziehenden Minus- und Pluspolen wurden nun zwei gleiche, sich Abstoßende.
Aber hat dieses schnelle Genießen der Liebe immer eine Trennung zur Folge? Ist es wirklich wahr, dass aus zwei verschmolzenen Körpern wieder selbstständige, unabhängige Individuen geworden sind, die einander nicht mehr brauchen, oder denken zu wissen einander nicht mehr zu brauchen?
Obwohl das tägliche Treffen eines im beiderseitigen Einverständnisses war, bekommt die eine Person dann zu hören: "Mir ging das alles einfach viel zu schnell!" oder "Ich glaube ich bin noch nicht bereit dafür!"
Schwer zu verstehen, welches Paradoxon vom Himmel geschickt wurde, denn vor 2 oder 3 Wochen war noch die Welt perfekt. Jeden Abend eine innige Umarmung, Küsse und der Sex in den verdrehten Lacken.
Klar ist jedoch, dass, wenn einmal ein großer Riss in der einst so heilen Fassade entsteht, er nicht mehr so schnell übermalt werden und aus dem Kopf gelöscht werden kann. Der Spruch "aus den Augen, aus dem Sinn" trifft dort leider nicht mehr zu.
Tag für Tag wird der einen Person klarer, warum es letztendlich doch nicht weiter gehen kann. Grund für Grund schießt ihr in den Kopf, tritt an die Oberfläche.
So bleibt eine Person übrig, alleine am kalten und verlassenen Gleis. Ist der Zug schon abgefahren, oder trifft er erst noch ein? Mit jedem Atemzug scheint das Warten eine größere Qual zu werden, denn hofft man nicht jeden Moment auf eine Nachricht, einen Anrufe oder ein romantisches "Er-steht-vor-meinem-Fenster-und-spielt-scheußlich-kitschige-Liebeslieder-und-will-mich-zurück"-Moment?
Bis die hässliche Trennung einigermaßen überwunden ist, dauert es manchmal nicht allzu lange, doch kommen dann ab und zu Momente auf, in denen das Parfum des Anderen in der Nase die Trauer entfacht, oder ein altes T-Shirt in der längst überfälligen Schmutzwäsche auftaucht und dann sitzt man auf dem kalten Küchenboden und redet sich mit Tränen überzeugt ein, was man alles falsch gemacht hat und hofft wieder auf eine Versöhnung im Mondschein.
Bridget Jones hatte wohl zum Teil recht, Eiscreme, Zigaretten und Chardonnay helfen teilweise über diesen - so scheint es jedenfalls - hoffnungslosen Frust hinweg. Nur ist dieses Gefühl des "mit sich selber im Reinen sein" und des "abgeschlossen haben" nie von langer Dauer, sondern eher temporär veranlagt.
Doch ist es nicht viel wichtiger, sich in diesem entstandenen Scherbenhaufen der eigenen Person und Gefühle, zu finden und den zwischen den Trümmern liegenden Plüsch für immer in die Mülltonne zu schleudern und somit in den persönlichen Kaukasus der Vergangenheit zu befördern?